Regenbogenwerkstatt e. V.
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Bethlehem 2013 bzw. Tent of Nations 2013 – Teil 2

 

 

 

Weg zum Tor

 


 Montag, 29. April 2013 / 11:13 Uhr

 

 

Ankunft auf dem Weinberg, am Roadblock, der Felsblockade auf der Zufahrt zum Weinberg. Das Taxi stoppt hier und unsere 9köpfige Gruppe schleppt ihr Gepäck zu Fuß weiter. Blick auf den vor uns liegenden Weinberghügel mit seinem vielen liebevoll kultivierten Grün. Wir sind zurück und alles ist so vertraut.


 Als Hartwig Daoud per Handy nicht erreicht, nehme ich mir die Zeit, packe meine Taschentrompete aus und blase "Amazing Grace" und "Laudate omnes gentes" in 950 Metern Höhe in die hitzige Sommerluft. Ich blase "volles Rohr", um uns einerseits bei den Nassars anzukündigen, und um ihren Nachbarsiedlungen unsere Präsenz zu demonstrieren. Anne filmt mich, nimmt aber dann ihr Gepäck, um Anschluss an die weiter marschierende Gruppe zu halten.

 

 

 Ich bleibe einen Moment lang zurück und mir wird etwas mulmig, als ich hinter dem Hügel hinter mir das Martinshorn höre. Einen kurzen Moment lang der Gedanke "Jetzt kommen sie und führen mich ab". Ich kann mich aber auch vorwärtsbewegen, mit zwei gesunden Füßen und Händen, blasender und Koffer ziehender Weise – die kleine Trompete im Reiseformat kann ich auch mit der linken Hand allein halten und spielen –, ich halte Anschluss an unsere Gruppe und fühle mich besser. Ruben und Birgit können es kaum erwarten und stürmen davon, bis sie hinter der nächsten Rechtskurve verschwinden.

 

 

Nach wenigen Minuten das Gatter zum Weinberg in Sichtweite und Daher ruft uns freudig entgegen, umrahmt von Birgit und Ruben. Ruben tatsächlich auf einem Esel, als wäre er schon Monate hier zu Hause. Der Esel soll unsere Koffer aufnehmen. Wir alle lachen ausgelassen und es folgen herzliche Umarmungen.

 

Es ist ein fröhliches Wiedersehen alter Bekannter und auch unsere Weinberg-Neulinge wie Ingeborg, Reinhard, Ruben, Ursula und Anne sind sofort mit hineingenommen. Daher, dieser schlichte Farmer mit Herz und der älteste Bruder Daouds, ist ganz außer sich und traut seinen Augen nicht, mich in Begleitung meiner Anne und einer kleinen Trompete wiederzusehen.

Freude und Bedrückung liegen ganz nah beieinander, es überwiegt allerdings die Freude, inmitten eines besetzten Landes!

 

 

Zerfetztes Mandala aus dem Jahr 2012

 


 

 

 

Montag, 29. April 2013 / 12:07 Uhr

 

 

Freudiger und sehr warmherziger Empfang von Daouds und Dahers Schwester Amal, Krankenschwester und

Therapeutin in einer Bethlehemer Kinderklinik, die sich heute extra für uns frei genommen hat. Sodann

beziehen wir unsere Quartiere, die vier Pauls ihr Höhlenappartement und wir jüngeren die großen

Gemeinschaftszelte. Danach gibt es auf der Veranda den wunderbaren und legendären eigenen Salbeitee und

viel zu erzählen, bis Daoud eintrifft...

 

Dann erst nehmen wir unsere Vorjahreswerke, die drei Herzensmandalas auf den Wassersammelflächen der

unterirdischen Zisternen, wahr. Wir sind erschrocken, denn sie sind alle nahezu vollständig zerstört und

zerfetzt. Die Regenfälle im Winter!

Klar, dass der Regen den bemalten Bodenflächen, auf die er frontal auftrifft, mehr zu schaffen gemacht hat,

als den verzierten Wänden. Daoud sprach im Vorfeld unseres Besuches lediglich von nötigen

Reparaturarbeiten, unserem diesjährigen Malauftrag. Wir verstehen aber, dass weder er noch Alexander

Fenker und die Ladberger Firmlinge uns die volle Wahrheit sagen wollten, um uns nicht zu enttäuschen.

Schnell wird uns klar, dass wir die verbliebenen Farbfetzen, die noch Bindung zum mineralischen

Untergrund haben, nicht übermalen können! Sondern: wir müssen sie insgesamt abkratzen, die Fläche

grundieren, die Motive gänzlich neu auftragen und wieder einfärben. Das ist ein größerer Aufwand für uns

alle als angenommen und kommt der Erschaffung von Neuem gleich. Drei Flächen mit rund 30 qm Größe

liegen vor uns.

 

Wir machen uns zwar an die Gemeinschaftsarbeit des "Abkratzens", angefangen bei dem "Herz-Hände-

Segen" über der Meeting-Cave, aber wir sind ziemlich frustriert angesichts der stumpfen Arbeit. Das ändert

sich auch nicht, als Daoud und Daher hilfsbereit und zügig weitere scharfkantige Spachtel und Drahtbürsten

für uns besorgen, aus dem benachbarten Dorf Nahalin.


Abkratzen

 

 

 Bei unserer allabendlichen Gruppenreflexion in der Meeting-Cave ist die Stimmung auf dem Tiefpunkt, doch wir machen uns bei Gisela, unserer künstlerischen Leiterin, Luft. Im Nachhinein tut es mir leid, dass gerade ich, Thomas, unserer Gisela recht vorwurfsvoll und wenig zugewandt entgegentrat, worauf sich Gisela ja kaum zur Wehr setzen konnte. Welche Patentlösung sollte sie aus dem Ärmel schütteln? Das hätte jeden anderen Menschen im Affekt auch überfordert! Ganz im Gegenteil: sie "entband" mich, wenn auch etwas ruppig, von meiner – als stumpfsinnig empfundenen – Aufgabe, nahm mir die Bürde der Verantwortung, gemäß dem Motto "Ich kümmere mich schon selbst drum!"...

In der Folgezeit hat Gisela uns wieder "abgeholt", uns mit ihrem "Biss" wieder mitgerissen, indem sie unumwunden ihre Forderung formulierte; sinngemäß: "Wir malen hier drei Herzmandalas! Wir ziehen das hier durch, ohne WENN und ABER!" Sie war ganz auf die Sache und den Wert für das "Tent of Nations" fokussiert! Danach kam erst unser gemeinschaftliche Einsatz, das "Sich-Ranhalten", dann automatisch der sich einstellende Erfolg! Gisela hielt uns bei Laune, motivierte uns, war unser Motor! Wir "verpackten" sogar kleinere Rückschläge, wie eine von uns zu dickflüssig aufgetragene Grundierung, die sich in der sengenden Hitze nach kurzfristiger Trocknungszeit wie große Tapetenfetzen abziehen ließ.

Reinhard Paul, Hartwigs gleichaltriger Cousin aus Ibbenbüren, hatte die geniale Idee, die weiße Farbe – die nicht wirklich Grundierung war – mit Wasser zu verdünnen! Es hielt!!! Und band gleichzeitig die nicht ablösbaren, verbliebenen, alten Farbfetzen. Und der Vorteil von allem war, dass unser großer weißer Farbeimer noch ergiebiger war als seine ca. 15 Liter! Es reichte sogar noch für die Malarbeiten an der Schulhofmauer der evang.-luth. Schule "Beit Sahour", sowie für die Auffrischarbeiten unserer 2011er-Mandalas an der Bethlehemer Sperrmauer vor Rachels Grab. Und dafür, den vorhandenen Herzmandalas sogar noch neue hinzuzufügen. An verkehrstechnisch sehr gefährlicher Stelle rund um den Sperrmauer-Wachturm!!!

Schulhof bei Bethlehem; Reperaturen an der Mauer in Bethlehem

Wir haben wahnsinnig viel geschafft, während unseres diesjährigen Aufenthalts, obwohl wir sogar zwei Leute weniger waren als noch im Juli 2012! Wir standen alle geschlossen hinter der Sache, haben uns auch gegenseitig viel gepuscht. Und genauso leben es Daoud uns seine Angehörigen doch auch vor! Ganz beharrlich für eine Sache einzustehen und als Gruppe geschlossen alles dafür zu tun, dass sie gelingt!

Ich war ein Narr, im letzten Sommer zu glauben, für die Ewigkeit zu malen / gemalt zu haben. Als ob sie ewig halten könnten, diesen wunderschönen, zerbrechlichen Malereien. Doch nachdem es uns gelungen war, uns nach unseren Zweifeln zu besinnen, als wir uns an´s "Abkratzen" wagten, da reifte zumindest in mir der Gedanke: "Ich tue das hier, auch wenn unsere Mandalas noch weniger halten sollten als ein halbes Jahr!" Und: "Ich komme nächstes Jahr wieder und helfe auszubessern! Denn in der Zwischenzeit werden unzählige Menschen vorbeikommen und sich anrühren lassen von diesen Herzensbotschaften! Sie werden ihnen Mut machen, Mut machen, weiterzumachen und durchzuhalten!"

Und sogleich konnten wir schon kurze Zeit nach unserem Maleinsatz an der Schulhofmauer in Beit Sahour ein wunderbares Phänomen miterleben, dem verspäteten Taxi sei Dank: Es kamen die ersten Kinder auf den Schulhof, es waren die teils jüngeren Geschwister der Kinder und Jugendlichen, die uns beim Malen geholfen hatten. Sie kamen in freudiger Erwartung und staunten, dass ihr Schulhof, das zubetonierte Grau-in-Grau, plötzlich Farbe angenommen hatte.

Sie fassten sofort Vertrauen zu uns, sprachen uns sodann an und wollten alles von uns wissen. Einige von ihnen trauten sich sogar deutsch zu sprechen, das lernen sie hier in der Schule, an denen zumeist kirchliche Bildungswerke aus Deutschland beteiligt sind. Besonders rührend war eine Szene: ein etwa achtjähriges Mädel, das meine Anne an der Hand nahm, um ihr ihre Schule zu zeigen...


Nun dürfen wir darauf vertrauen, dass noch viele junge Menschen kommen werden, erst recht nach dem 13. Mai, wenn die Osterferien – gemäß dem christlich-orthodoxen Kalender – vorbei sein werden! Und dass sie weitere mitbringen, ihre Eltern, Verwandten, Freunde...

Thomas, 43 Jahre

 

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