Regenbogenwerkstatt e. V.
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Bethlehem 2013 bzw. Tent of Nations 2013 – Teil 3

 

 

 

 


Ein ganz besonderer Geburtstag
am 29. April 2013


Bericht von Anne Nitsche

 

Dass dies ein besonderer Tag werden würde, war mir klar. Doch noch wusste ich nicht, was mich

erwarten würde. Am Abend des 28. April stieg ich die Leiter hinauf in mein Etagen-Bett im

Austrian-Hospice in Jerusalem. Unter mir schlief Birgit und ich dämmerte langsam ein. Dann hörte

ich von irgendwoher ein Geburtstags-Ständchen, das einem Daniel galt. Es war also Mitternacht

und auch ich hatte nun Geburtstag, was ich schon fast vergessen hatte. Ich hörte auch die Rufe des

Muezzin und schlief schließlich ein.


Am Morgen packte ich meine Sachen zusammen, denn heute verließen wir Jerusalem bereits

wieder, um zum Weinberg der Familie Nassar zu fahren, der ganz in der Nähe von Bethlehem liegt.

Ich merkte, wie sich die anderen acht Mitreisenden im Flur versammelten, es wurde getuschelt und

schließlich ein Geburtstagsständchen angestimmt, begleitet von Flöten- und Trompetenklängen.

Gisela hatte sogar einen kleinen Gabentisch vorbereitet, es brannte eine Kerze und mir kullerten die

Tränen, als mich alle so herzlich umarmten und beglückwünschten.


Auf der Dachterrasse unserer Herberge hielten wir noch eine kleine Morgenandacht. Reinhard

stimmte uns morgens auf den Tag ein und begleitete uns in diesen Tagen mit Bibelstellen auf

unserer Reise, fasste die Geschehnisse zusammen und brachte das Erlebte in Zusammenhang mit

unserem Glauben.


Doch nun mussten wir schnell zu unserem Taxi, das uns zum „Tent of Nations“ brachte. Die Fahrt

dorthin verlief reibungslos und nun stand ich an dem Ort, den ich bislang nur von Fotos und von

Erzählungen kannte: An dem „Roadblock“, an den riesigen Felsbrocken, die die Zufahrt zum Weinberg versperren.

 

Felsen, welche die ursprüngliche Zufahrt versperren

Thomas packte seine Trompete aus und stimmte „Amazing Grace“, „Shalom chaverim“ und „Laudate omnes gentes“ an. Wir zogen unsere Koffer vorbei an den riesigen Steinblöcken, die von Israelis dorthin geschafft worden waren, um den Zugang von dieser Seite zu versperren. Von hier

aus käme man in 10 Minuten nach Bethlehem, nun muss die Familie Nassar einen Umweg von 45 Minuten in Kauf nehmen.

Hartwig hatte keine Handy-Verbindung bekommen um uns anzukündigen. Doch Daher Nassar hatte die Trompetenklänge gehört und war uns entgegen gekommen. Birgit und Ruben waren aufgeregt

und gespannt und wollten die Ersten auf dem Weinberg sein. Sie waren vorgelaufen und tauchten nun zusammen mit Daher und einem Esel vor uns auf. Ruben ritt auf dem Esel, als hätte er nie etwas anderes getan. Er strahlte und wir fielen uns alle in die Arme. Die Begrüßung war so herzlich,

ich fühlte mich sofort wie zuhause. Alles war gleich so vertraut. Diese Vertrautheit verstärkte sich in den nächsten Tagen, ich hatte das Gefühl schon ewig hier zu sein.

 

Begrüßung

Daher Nassar brachte uns zu unserem Gemeinschaftszelt, das für drei Nächte unsere Schlafstätte sein würde. Dort empfingen uns Daouds älteste Tochter Shadin und seine Schwester Amal.

Amal, die Krankenschwester und Therapeutin in einer Bethlehemer Kinderklinik, hatte sich extra frei genommen, um alles für uns herzurichten.

Verteilung der Unterkünfte

Nun gab es eine Enttäuschung, die in diesen Tage eine echte Herausforderung für uns alle war:

Daoud hatte davon gesprochen, dass Reparaturarbeiten an den Malereien des letzten Jahres zu machen seien. Doch wir sahen jetzt, dass die Herzmotive nicht nur verblasst waren, sondern dass sie

zum größten Teil vom Regen und von der Hitze beschädigt und die Farben abgeblättert waren.

Eins der zerstörten Bilder

Ich möchte schildern, welche Fragen und Gefühle bei mir aufkamen, als entschieden wurde, wir
würden einen Teil der Malereien neu machen:


Ratlosigkeit: Wie konnte es passieren, dass die Malereien nicht länger als ein Jahr hielten, wo doch
andere, die bereits 2011 angefertigt worden waren, noch unversehrt waren?

 

Unverständnis: Warum wird nun darauf bestanden, die Reste der abgeblätterten Farben mühevoll
zu entfernen und die Motive zu erneuern? Würden die Farben denn nun besser halten, als zuvor?
Ärgernis: Mühen wir uns nicht unnötig ab, machen wir nicht etwas Sinnloses, was wieder keinen
Bestand haben würde? Wofür soll das alles gut sein?

 

Dann später meine Einsicht:
Ich verstehe es für mich als meine ganz persönliche „Übung“ mit dieser Erfahrung umzugehen.


Das Abkratzen: Was bringe ich eigentlich mit, an alten, verstaubten Mustern und Gefühlen, die
mich an einem erfüllten Leben hindern? So wie wir die alte Farbe abgekratzt und die Farbreste
weggefegt haben, will auch ich an dem „Alten und Schweren“ kratzen, um Platz zu machen für
Neues. Ohne zu wissen, was wir erlebt hatten, schrieb mir mein Bruder am Tag unserer Abreise in
einer SMS: „Lasst alles Alte da und nehmt nur die neuen Eindrücke mit zurück.“


Es war mühevoll, die alten Farbschichten zu entfernen und das auch noch in der heißen Sonne! Die
stupide Arbeit war für mich aber auch Gelegenheit, die Gedanken schweifen zu lassen. Eigentlich
hatte es sogar etwas „Meditatives“. Und ich war ja nicht allein. Die ganze Gruppe packte mit an, es
war eine gemeinsame Aktion, in der wir – jed(e)r in ihrem/seinem Tempo – Hand in Hand
zusammen arbeiteten. Und schließlich hatten wir unsere Herzmotive immer vor Augen. Die
Botschaft, die wir darstellen und wiederherstellen wollten, galt ja schließlich auch mir ganz
persönlich!


Das Unbeständige: Ich habe mich gefragt, warum es denn gerade eine Bodenfläche sein muss, die
viel empfindlicher ist, als die Wandflächen. Die Temperaturunterschiede, die Hitze im Sommer und
der Regen stellen hohe Anforderungen an die Farben. Eine gute Grundierung ist erforderlich und
zum Abschluss eine Versiegelung zum Schutz des Gemalten unverzichtbar.


Doch später habe ich erkannt: Es reicht doch aus, wenn die Malereinen auch nur einen Sommer
bestehen würden. Viele Menschen (im letzten Jahr waren es 6.000) besuchen jedes Jahr das „Tent of
Nations“ und jede(r) Einzelne von ihnen lässt sich irgendwie davon anrühren, wenn er/sie die
Motive sieht. Und auch die israelischen Hubschrauber, die täglich über dem Weinberg kreisen,
sollen sehen und verstehen, dass die Familie Nassar sich nicht entmutigen lässt, dass sie weiter
macht, dass sie Zerstörtes und Abgeblättertes erneuert. Und dass sie weiter für Frieden und
Gerechtigkeit einsteht. Viele Menschen aus allen Nationen unterstützen sie dabei.


Der Glaube stärkt: Wie oft haben Daoud und seine Familie etwas aufgebaut, was später zerstört
worden ist, oder wofür sie immer wieder Abrissbefehle erhalten. Und doch lassen sie sich nicht
entmutigen. Sie gehen weiter auf ihrem friedlichen Weg. Sie kehren die Enttäuschung und die Wut
in eine Energie des Friedens und Versöhnung um.
Ich möchte daran arbeiten, ebenfalls so positiv zu denken, damit mich Rückschläge und negative
Gedanken nicht (ver)zweifeln lassen, sondern sich all das in eine positive Kraft verwandelt. Mich selbst zu lieben, damit ich auch andere mit ganzem Herzen lieben kann und für andere

ein Segen sein kann, das ist mein Ziel. Das kann ich von der Familie Nassar und von Gisela und Hartwig und von vielen anderen Menschen lernen, denen ich hier begegnet bin.

 

Wenn du die Welt kennen lernen willst, dann besuche den Weinberg“.

Wir haben viele interessante Menschen kennen gelernt und Kontakte geknüpft.

Viele Tagesgäste besuchen den Weinberg, viele Reiseführer nehmen diesen Ort als Programmpunkt ihrer Reise auf und die Menschen empfinden diesen Besuch als einen Höhepunkt ihrer Israel-Reise.

 

Eines Mittags hatten Ursula und ich uns in die Versammlungs-Höhle zurückgezogen, weil es im Zelt zu heiß war. Ich hatte mir einige Stühle zusammen geschoben und mich mit einer Iso-Matte darauf gelegt. Ich war etwas eingedöst als ich Daouds Stimme hörte. Er hatte offensichtlich wieder Gäste. Heute waren bereits mehrere Besuchergruppen gekommen.                Ich stand schnell auf, raffte meine Sachen zusammen, als ich einen Mann mit „Gefolge“ in die Höhle kommen sah. Ich wollte gerade fragen
„Kennen wir uns nicht von irgendwo her?“, da schüttelte er mir auch schon die Hand mit den Worten: „Guten Tag, mein Name ist Rüttgers. Wir wollten Sie nicht stören.“

 

Da habe ich nicht schlecht gestaunt und aufgeregt Gisela davon erzählt, die gerade von ihrer Mittagsruhe kam. Es passiert nicht oft, dass ihr Mund offen stehen bleibt. Doch jetzt war auch sie

geplättet“. Jürgen Rüttgers, der ehemalige NRW-Ministerpräsident, den wir nur aus dem Fernsehen

und von Wahlplakaten kannten, war hier auf dem Weinberg! Wow! Gisela, mutig wie sie ist, klopfte

an der Höhlentür an und ging hinein, um sich und unser Projekt vorzustellen.



Später machte sich Herr Rüttgers persönlich ein Bild von unseren Bildern, die gerade erst in der

Entstehung waren. Wir waren dabei, eine Fläche weiß zu grundieren und er nahm sich die

Malerrolle und erzählte, dass er auch etwas davon verstehe, weil sein Vater Maler war. Ursula fragte

beherzt, ob er nicht sein Jacket ausziehen wolle, weil es doch so heiß sei. So kamen wir auf eine

lockere und doch ernsthafte Art mit ihm ins Gespräch.

Neben prominenten Menschen kann man hier aber auch viele andere einzigartige und bemerkenswerte Menschen treffen. So lernten wir zwei junge Frauen kennen, eine Deutsche und  eine Schwedin, die sich bei
„EAPPI“ (eappi@paxchristi.de) engagieren. Es handelt sich um eine

Organisation, die Menschenrechtsbeobachter entsendet. Die Ökumenischen Friedensdienstler kümmern sich beispielsweise an Checkpoints und Schulen um die Menschen, die Schwierigkeiten mit dem israelischen Militär haben. Sie wollen mit Daoud zusammen ein Konzept erarbeiten, um Kinder zu fördern und zu stärken.

 

 

Uns wurde einmal mehr klar, wie wichtig eine Vernetzung ist, um die vielen kleinen und großen Friedensaktivitäten zu bündeln und die positiven Kräfte zu verstärken. Uns hat es ermutigt, zu wissen, dass sich viele Menschen für die Menschenrechte und den Frieden einsetzten. Die scheinbar aussichtslosen Konflikte können sich doch einmal wandeln, wenn es uns allen gelingt, uns auf Augenhöhe zu begegnen, unabhängig von Herkunft und Religion.

 

Die Gastfreundschaft: Am Abend nach meinem Geburtstag wurde ich noch einmal überrascht:

Daouds Frau, Dsihan, hatte Kuchen gebacken. Es wurde Wein eingeschenkt und ich bekam noch

einmal ein Geburtstagsständchen!

Gisela hatte ein Spiel vorbereitet. Sie band jedem der Kinder und uns Erwachsenen einen

aufgeblasenen Luftballon an ein Fußgelenk. Sobald ihr Flötenspiel verstummte, sollte jeder

probieren einem anderen den Ballon zu zerplatzen. Gewonnen hatte der, dessen Ballon am längsten

heil blieb.

Dieses Spiel hatte Gisela schon in vielen Ländern, so z. B. in Rumänien und Afrika gespielt. Auch

hier war es ein großer Spass, von dem die Kleinen und Großen nicht genug bekommen konnten.


Die Kinder freuten sich außerdem über die mitgebrachten Geschenke wie z. B. einige Blockflöten aus Kunststoff, kleine Mundharmonikas, ein Wassermalkasten...

Auch bei den Erwachsenen kamen unsere bedruckten T-Shirts gut an.


Wieder ging ein erfüllter Tag zu Ende.


Gisela, Daher und Daouds Kinder

 

 

 

 

Nachdenkliches und Kurioses

 

 

 


 

Jeder Tag – ein Geschenk

 

Welch ein beglückendes Gefühl, wenn man am Ende des Tages sagen kann: „Ein erfüllter Tag geht vorbei. Und ich durfte dabei sein.“ Diese Worte sagt Gisela so oft. Und sie hat Recht!


An der Sperrmauer

 

Wir packten unsere Mal-Utensilien aus dem Taxi, als uns auffiel: „Oh je, wir haben keine Leiter und die Mauer ist zu hoch, um die Motive in voller Höhe erreichen zu können, die wir reparieren wollen“.

Doch dann fiel Giselas Blick auf eine Leiter, die irgendwo zwischen den Häusern stand. Das Problem war gelöst!

 

 


Genauso entdeckten wir ein Gitter, mit der wir eine Absperrung zwischen Mauer und Straße errichten konnten. Es wäre sonst zu gefährlich gewesen, bei dem rasanten Tempo der Fahrzeuge dort zu malen.

 

 

Auf dem Schulhof der Evangelical Lutheran School
Beit Sahour nahe Bethlehem

 

 

(www.bs-lutheranschool.com)


 

Nach Beendigung unserer Malaktion ließ das Taxi lange auf sich warten. Auf einmal betraten mehr und mehr Kinder das Schulgelände. Sie hatten durch ihre älteren Geschwistern von unserer Malaktion gehört und waren neugierig auf das Ergebnis. So kamen wir ins Gespräch.

 

Ein 10jähriges Mädchen nahm Anne an die Hand, zeigte ihr das Schulgelände und erklärte ihr die Klassenräume. Diese Kinder waren zwar nicht an der Malaktion beteiligt gewesen, wussten nun aber doch, wer wir waren, die diese Aktion angeleitet hatten. Das Ganze hatte für sie ein „Gesicht“ bekommen.

 

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